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Interview SonntagsZeitung

Beitrag vom 12. Oktober 2013




«ICH BIN EINE MIMOSENHAFTE JUNGFRAU UND EHER UNFLEXIBEL, WAS KRITIK ANBELANGT»




Schauspieler Walter Andreas Müller über seine Empfindlichkeit, die Lust am Parodieren, das Reizvolle an Angela Merkel, seine Rolle als zwielichtiger Dorfpfarrer und Frühstücken in Nizza



Von Martina Bortolani (Text) und Philipp Rohner (Fotos)




Man kann nicht anders als bei diesem leidenden Gesichtsausdruck sofort an Moritz Leuenberger zu denken. Oder, wenn er die Stirn in Falten legt und die Arme vom Körper streckt, als wolle er eine ganz dicke Frau umarmen, an Christoph Blocher. Und wenn er die Lippen schürzt und den Hals skeptisch nach hinten schiebt, dann ist da sofort Flavio Cotti. Walter Andreas Müller, der 68-jährige Parodist und Schauspieler, spielt an diesem herbstlichen Morgen im Zürcher Restaurant Volkshaus vergnügt mit seinem Gegenüber. Innert Sekunden verändert er Stimme, Gesichtsausdruck und Haltung und wechselt fliegend von der einen in die nächste Rolle diverser Schweizer Politiker. Und obwohl er die kleine, private Vorführung leise macht, ganz ohne Aufmerksamkeit auf sich ziehen zu wollen, recken am Nebentisch zwei Frauen neugierig die Hälse und lachen. Es ist die Blütezeit des WAM, wie ihn die Schweiz seit Generationen nennt: Er probt gerade für die grosse «Comedy Christmas Show», die im November startet. Kürzlich war er im Film «Himmelfahrtskommando» in einer Hauptrolle im Kino zu sehen, im Frühling folgt bereits der nächste Kinostreich. Und eben erschien sein neustes Globi-Hörspiel.






Wie oft hatten Sie schon Ärger mit Bundesräten?


Warum sollte ich?


Weil Sie die Magistraten so schonungslos parodieren.


Aber nein, das ist doch ein Kompliment für jeden Einzelnen. Nur wen ich schätze und wer auch etwas zu sagen hat, wähle ich als Figur aus. Es werden doch ausschliesslich spannende Menschen mit Ecken und Kanten parodiert. Christoph Blocher etwa ist einer meiner grössten Fans.


Woher wissen Sie das?


Vor einiger Zeit, als ich noch mit Birgit Steinegger in der Sendung «Classe Politique» beim Schweizer Fernsehen zu sehen war, kam er an einer Veranstaltung auf mich zu und gratulierte mir, meine subtile Arbeit gefalle ihm ausgezeichnet.


Wirklich?


Ja, natürlich. Ebenfalls Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger. Bei seiner ersten Bundespräsidentenwahl wollte er, dass ich den Festakt präsentiere und als Moritz Leuenberger auftrete. Er war sehr amüsiert und sagte damals (imitiert Leuenberger): «Äh, also, äh, sit du mich namachsch, äh, säg ich, äh, vill weniger äh.»


Sie nehmen mich auf die Schippe!


Nein, es ist wirklich so. Schauen Sie, Parodie ist letzten Endes etwas, das auch den Politikern hilft.


Inwiefern?


Es entkrampft. Eine öffentliche Figur zu sein, ist etwas Anstrengendes. Man steht unter Dauerbeobachtung. Alles, was man macht und sagt, wird mitverfolgt, medial kolportiert und kommentiert. Da kann etwas Humor zwischendurch nicht schaden. Ich stehe seit vierzig Jahren auf der Bühne, und bis jetzt hat sich noch nie jemand bei mir beschwert.


Spricht das für einen Satiriker?


Ich finde ja. Und es zeigt mir, dass meine Autoren und ich seriös arbeiten. Wir versuchen, allen meinen Figuren in erster Linie mit Respekt zu begegnen. Dieses Unter-die-Gürtellinie-Gehen, wie man es bei amerikanischen oder deutschen Comedians oft sieht, ist nicht mein Stil. Und die Szene in der Schweiz ist so klein, da begegnet man sich immer zweimal.


Dann sind Politiker also selbstironisch?


Ich gehe davon aus, dass auch sie wissen, dass man langweiligen Politikern keine Parodie widmen kann oder gar eine Figur. Lets face it: Wird man erst einmal parodiert, steigt gleichzeitig auch die Popularität.


Wie entscheiden Sie, ob Sie jemanden imitieren möchten?


In erster Linie muss das Alter der Person stimmen, also kann ich einen Hans-Rudolf Merz ins Auge fassen, aber einen DJ Bobo oder einen Bligg eben nicht, weil beide zu jung sind. Wenn es aber ungefähr passt, dann entscheide ich oft ganz aus dem Bauch heraus. Ich scanne den Menschen und schaue genau, wie er spricht, wie er betont und wie er sich bewegt. Also alles, was ihn speziell macht. Wenn jemand zu glatt ist, eignet er sich nicht dafür.


Wer zum Beispiel?


Abgesehen davon, dass beide ein gutes Stück jünger sind als ich, sehe ich bei einem Alain Berset oder Didier Burkhalter wenig karikierendes Potenzial. Die beiden sind fast schon «zu normal», um imitiert zu werden. Da wird es schwierig. Doch meistens fliegen mir die Figuren in den Schoss. Das kommt mir entgegen, denn ich bin eigentlich ein fauler Mensch.


Sie sind Radiomoderator, proben gerade für eine grosse Comedyshow und waren im Kino zu sehen. Das alles mit 68. Sie und faul?


Faul im Sinne von passiv. Klinken putzen war nie mein Ding.


Sie laufen auf allen Kanälen. Darum muss man sich doch bemühen.


Ich bemühe mich tatsächlich nicht um meine Engagements, nein.


Das tönt etwas snobby.


Nein, ein Snob bin ich nicht. Ich meine das sogar umgekehrt. Ich bin nicht der Schöpfer- und Anreissertyp, sondern eine Art Re-Kreativer, ein guter Umsetzer der Ideen anderer. Nicht einer wie Erich Vock zum Beispiel. Der ist unglaublich, der schiebt aus eigener Kraft so viele Dinge an, von der «Kleinen Niederdorfoper» bis zur Zürcher Märchenbühne. Vock ist Schauspieler, Produzent, Regisseur, alles in einem. Ich bin darauf angewiesen, dass Drehbuchautoren oder Regisseure auf mich zukommen und sagen: «WAM, mach das, spiel den, tu das!» Ich spiele einfach die Rollen, die mir angeboten werden - wenn sie passen.


Sie können wahrscheinlich nicht jede Rolle haben, man assoziiert Sie doch recht stark mit dieser Humorwelt.


Das ist genau der springende Punkt. Ich bin in der Schweizer Szene bei den meisten Regisseuren in der Boulevardschublade abgespeichert. Da ist es nicht immer leicht als Schauspieler, wenn einem nicht zugetraut wird, ernste Rollen zu spielen. Darum freut es mich umso mehr, dass ich gerade jetzt, im hohen Alter, doch noch dort angekommen bin, wo ich lange hinwollte.


Auf die grosse Kinoleinwand mit dem Film «Himmelfahrtskommando».


Genau. Eine wunderbare Erfahrung. Es tönt eventuell pathetisch, aber ich habe das Gefühl, angekommen zu sein. Ich bin richtig vernarrt in dieses Gefühl.


So vernarrt, dass Sie für den jungen St. Galler Regisseur Dennis Ledergerber sogar ohne Gage gespielt haben?


Alle Hauptdarsteller haben auf eine Gage verzichtet. Andrea Zogg, Isabelle Flachsmann, Beat Schlatter, wir alle.


Ist das üblich, dass gestandene Schauspieler in der Schweiz gratis arbeiten müssen?


Nein, das ist es - zum Glück - nicht. Aber ab und zu macht man das halt und fördert so auch den Schweizer Nachwuchs.


Sie spielen auch gratis bei Chris Buchers Low-Budget-Produktion «Tyfelstei», die im Frühling in die Kinos kommt.


Dort betreibe ich quasi nochmals Nachwuchsförderung mit einem sehr jungen und engagierten Team. Ich spiele einen zwielichtigen Dorfpfarrer, das ist keine grosse Rolle, aber eine abgründige und spannende. Faszinierend.


Sie parodieren auch Frauen. Angela Merkel zum Beispiel in der «Comedy Christmas Show». Ist die deutsche Bundeskanzlerin eine typische Persiflagefigur für Sie?


O ja, Frau Merkel bietet, was Gestik und Mimik anbelangt, sehr viel Reizvolles.


Neue Figuren sind dieses Jahr auch Vreni Schneider, Kim Jong-un mit dem Gangnam-Style und nochmals Silvio Berlusconi. Hat man das nicht ein bisschen gesehen?


Warten Sie nur, wie es bei der «Comedy Christmas» wieder abgehen wird! Vom «Kafi am Pistenrand», «That's Amore» in der Berlusconi-Version bis zum frechen Gangnam-Style-Text. Parodie ist nicht umsonst auch etwas sehr Musikalisches.


Das haben Sie von Ihrem Vater. Er war ein erfolgreicher Klarinettist und Saxofonist mit der eigenen Ländlerkapelle Wädi Müller.


Stimmt! Mein Vater war aber nur im Nebenfach Musiker, er arbeitete sein halbes Leben lang als Typograf und Schriftsetzer bei der NZZ. Hier im Volkshaus Zürich übrigens war es, wo die Gewerkschaft Typografia ihr alljährliches Weihnachtsmärli aufführte. Da wurden immer alle Kinder der Angestellten eingeladen.


Also ganz traditionelle Kindervorführungen.


Ich erinnere mich gut, es war Anfang der Fünfzigerjahre. Rosmarie Metzenthin gründete mit ihren Geschwistern gerade ihr eigenes Kindertheater. Das waren ganz tolle Aufführungen. Stücke wie «Max & Moritz» beeindruckten mich kleinen Knirps sehr.


Entfachte das Ihre Leidenschaft, später einmal selber auf der Bühne zu stehen?


Sagen wir so, es loderten da schon die ersten Flämmlein. Ich war recht unschuldig damals als kleiner Bub. Es war schon faszinierend für mich, mit meiner Mutter am Mittwochnachmittag in den Dutti-Park zu gehen und um 15 Uhr das Chaschperlitheater
zu sehen.


Das läuft bis heute immer noch erfolgreich im «Park im Grüene» von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler.


Ja, und es spielen immer noch sehr etablierte Kolleginnen und Kollegen dort mit. Das ist Chaschperlitheater auf höchstem Niveau, das wird sicher nicht so schnell abgesetzt.


Apropos, kürzlich gab es Knatsch um Ihre Sendung «Classe Politique». SRF strich das Budget. Hat es Sie gefuchst, dass man den WAM, die treue Seele, einfach so aus dem Programm kippt?


Klar. Aber es ging ja nicht um mich persönlich, sondern um kluge und unterhaltsame Formate wie eben unsere «Classe Politique» und die «Bundesrats-WG». Ich behaupte, das war einfach gut, und dieses Format fehlt jetzt definitiv bei SRF.


Sie meinen Comedy-Formate allgemein?


Ja, ich hoffe, dass sich das wieder ändert.


Wie gut können Sie mit Kritik umgehen?


Schlecht. Ich bin eine mimosenhafte Jungfrau! Ich bin recht schnell eingeschnappt. Nicht sehr lange zwar, aber ich bin doch eher unflexibel, was Kritik anbelangt. Ich sage meinen Spasskollegen am Theater jedenfalls immer, dass sie mich nicht aussuchen sollen für ihre Scherze. Ich finde das nicht lustig und werde rasch sauer. Oder wenn man mich kritisiert in der Öffentlichkeit, dann ziehe ich mich eher zurück.


Wie wären Sie an Claudio Zuccolinis Stelle damit umgegangen, wenn man Sie beim Zirkus Knie öffentlich
so verrissen hätte?


Zucco, den ich persönlich gut kenne, hat das bravourös gemeistert! Er hat einfach durchgebissen und an sich und seinem Programm gearbeitet, das ist sehr bewundernswert. Wir haben ja zufälligerweise beide am 3. September Geburtstag, sollten also vom Wesen her ähnlich sein, aber ich schwöre, ich hätte das nicht durchgestanden und den Bettel hingeschmissen.


Das kann man als etablierter Künstler besser als ein Junger.


Das mag sein. Aber es ist auch immer gut, wenn man seine Karriere auf verschiedene Standbeine abstützt. Das würde ich allen jungen Schauspielern und Kabarettisten heute raten: Seid flexibel, setzt auf verschiedene Pferde ...


... «dann könnt ihr euch im Alter auch - wie ich - einen Rolls-Royce leisten!» Sie sind eben doch ein Snob.


(lacht) Ach was! Einen Rolls kann man sich heute zum Preis eines alten Opel kaufen. Die sind gar nicht teuer, ein Hobby wie andere auch. Das Aufwendige an diesen Fahrzeugen ist, wenn man sie gut unterhalten möchte. So habe ich meinen 1978er neu spritzen lassen. Und man muss diese Autos fahren, sonst kriegen sie Standschäden.


Warum fahren Sie gerade dieses Auto?


Ein Kindertraum. Es ist ein perfekt gebautes und wunderschönes Fahrzeug.


Sie mögen auch schöne Kleider, Sie sehen immer sehr adrett aus.


Danke! Ich war aber heute Morgen grad etwas unschlüssig bei der Kleiderwahl. Diese Umstellungszeit von der Sommer- auf die Wintergarderobe! Im Sommer trage ich meist nur Lacoste-Shirts, ich habe wohl etwa zwanzig verschiedene. Ich trage nichts anderes, das ist fast wie eine Uniform, mein Markenzeichen.


Sie sind ausgerüstet von Lacoste? Wie chic!


Hah! Schön wärs. Das wissen die doch gar nicht ...


Erzählen Sie bitte weiter von der Umstellung der Saisongarderoben.


Nun, im Winter trage ich ja immer Rollkragenpullover, alle unifarben. Aber dafür war es heute Morgen zu warm. Darum bin ich auf dieses Hemd ausgewichen.


Von Ralph Lauren.


Das habe ich gar nicht realisiert, als ich es kaufte. Aber zufällig habe ich in Nizza dann noch diese Jacke gefunden und erst nachher gemerkt, dass es ja die gleiche Marke ist. Passt also wunderbar.


Sie reisen viel.


O ja, ich liebe es! Dieses Jahr war ich schon in New York, im Tessin und immer wieder in Nizza.


Ihre zweite Heimat, wie Sie oft sagen.


Das stimmt. Ich weiss selber nicht ganz genau, was mich daran so fasziniert, aber ich kehre immer wieder nach Nizza zurück. Ich brauche diese Rituale dort, im Hotel Balthazar mein Frühstück zu geniessen, den «Nice Matin» vor mir und nachmittags an der Plage Galion zu liegen und zu lesen. Und abends in unseren Lieblingslokalen als «Le Petit Suisse» begrüsst zu werden. Da tanke ich auf. Dort kennt mich auch niemand.


In der Schweiz wohnen Sie im Zürcher Oberlandund führen ein beschauliches, eher zurückgezogenes Landleben.


Nun ja, es war seinerzeit wunderschön ländlich und idyllisch bei uns ...


Aber?


Ich habe wieder Sehnsucht nach der Stadt. Mein Leben verlief bisher immer in elfjährigen Zyklen; Stadt, Land, Stadt. Nun leben wir schon seit vierzehn Jahren dort, das heisst, ich bin eigentlich schon drei Jahre drüber.


Sie suchen eine Wohnung in der Stadt?


Nein, es ist gar nichts Konkretes geplant. Mir gefällt seit einiger Zeit einfach der Gedanke, dort oben (zeigt aus dem Fenster auf die Fassade eines Stadthauses) irgendwo auf einem Balkönli zu sitzen und meinen Kafi zu trinken. Und abends dann rasch ins Kino, ins Theater, essen gehen. Ich vermute, das Stadtleben hält einen auch jung. Man muss ein wenig Kindlichkeit bewahren im Leben.


Da passt ja der Globi, Ihr langjähriger Freund, dem Sie seit über dreissig Jahren die Stimme leihen, wunderbar an Ihre Seite. Eben erschien Ihr neustes Hörspiel «Globi beim Fernsehen».


Ja, ich schreibe nun auch die Hörspiele selber. Und Globi ist auch etwas erwachsener geworden. Er ist nicht mehr nur der kleine, freche Bub. Er ist mehr ein jugendlicher Sympathieträger, immer voller Tatendrang und lustiger Ideen. Und bei allen beliebt.


Genau wie der WAM.


(Imitiert Globi) Ja, danke schön!






Publiziert am 12.10.2013
von: http://www.sonntagszeitung.ch/suche/artikel-detailseite/?newsid=264497

 

© Foto: Philipp Rohner

© Foto: Philipp Rohner

© Foto: Philipp Rohner

© Foto: Philipp Rohner

«Ich scanne den Menschen und schaue genau, wie er spricht, wie er betont

und wie er sich bewegt»